Wie arbeitet die Medienbegutachtung? – Interview mit Uschi Hertweck

Scarlett Rybarczyk, Uschi Hertweck
Uschi Hertweck | LMZ

Uschi Hertweck | LMZ

Im Gespräch mit Uschi Hertweck

Bevor neue Medien in unsere SESAM-Mediathek gelangen, werden sie genau unter die Lupe genommen. Zuständig hierfür sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Medienbegutachtung. Wie ein Begutachtungsprozess abläuft, welche Kriterien zum Einsatz kommen und was die Medienbegutachtung so einzigartig macht, darüber haben wir mit Uschi Hertweck, Leiterin der Medienbegutachtung, gesprochen.

Was sind die Aufgaben der Medienbegutachtung? 

Der Markt an digitalen Medien wächst laufend, aber nicht alles ist insbesondere für den Unterricht geeignet. Die Medienbegutachtung sichtet daher im Auftrag des Kultusministeriums digitale Medien im Hinblick auf ihre Eignung im schulischen Einsatz. Ziel ist es, den Lehrkräften die Suche nach besonders geeigneten Medien zu erleichtern. 

Was macht die Medienbegutachtung so einzigartig?

Für die Lehrkräfte liegt der Mehrwert auf der Hand: Sie können gezielt nach besonders empfohlenen Medien recherchieren und erhalten für diese Suchergebnisse die didaktischen Hinweise der Medienbegutachtung angezeigt. Die Lehrkräfte können sich darauf verlassen, dass sie zu den Bildungsplänen und insbesondere zur Leitperspektive Medienbildung passende Inhalte bekommen. Sie können sogar nach dem spezifischen Bildungsplanthema ihres Faches recherchieren und so aktuelle und didaktisch gut aufbereitete Medien erhalten. Die Kriterien, nach denen die Medien seitens der Medienbegutachtung beurteilt werden, sind transparent und jederzeit nachvollziehbar. Die Medienbegutachtung reagiert auf aktuelle Entwicklungen auf dem digitalen Bildungsmarkt und bietet daher auch pädagogische Empfehlungen für Links, Apps und Lernportale. Damit wird ein sehr breites Spektrum Medien abgedeckt und Lehrkräfte bei Ihrer Arbeit mit Medien unterstützt, indem für jedes schulische Medienkonzept etwas dabei ist.

Wer steckt hinter den Medienbegutachtungen?

In den Kommissionen sitzen insgesamt 35 erfahrene Lehrkräfte, die in ihrem Fach regelmäßig Medien im Unterricht einsetzen und die bereits alle Klassenstufen in ihrer Schule unterrichtet haben. Sie arbeiten auf der Basis von Anrechnungsstunden für die Medienbegutachtung im LMZ. Darüber hinaus verfügt die überwiegende Mehrheit der Kommissionsmitglieder über weitere Funktionen: Seminarbeauftragungen, Hochschullehrbeauftragung, Fachberatung, Multimediaberaterinnen und Multimediaberater, Fortbildung, Multiplikatoren für Medieneinsatz, Fachabteilungsleitungen, Schulleitungen und andere. Auf diese Weise können Synergien genutzt werden, die Kommissionen erleben immer neuen Input und können sich weiterentwickeln. 

Was genau ist Ihr Aufgabenbereich am LMZ?

Ich bin die Ansprechpartnerin für die Medienbegutachung im LMZ und halte den Kontakt nach Außen –  zu den Medienproduzenten, Ministerium, anderen (schulischen) Institutionen und natürlich zu den anderen Arbeitsbereichen am LMZ, um interne Prozesse abzustimmen. Gemeinsam mit allen internen und externen Partnern werden von mir aktuelle Entwicklungen im digitalen Bildungsmarkt im Blick gehalten und Konzepte zur Begutachtung entworfen. Anschließend sorge ich für die Weiterleitung und Veröffentlichung der Begutachungsergebnisse an die entsprechenden Stellen.  
Außerdem dient die Medienbegutachtung am LMZ dem Kultusministerium als Ansprechpartner in Bezug auf die Leitperspektive Medienbildung und die Einbindung der Kompetenzbereiche der Medienbildung in die neuen Bildungspläne. Darüber hinaus kooperiert die Medienbegutachtung mit dem ZSL, um fortlaufend Medien mit den Bildungsplänen zu verknüpfen. 

Welche Medien werden begutachtet? 

Die Tendenz ist klar digital und geht in Richtung Mobiles Lernen, daher arbeiten die Kommissionen sowohl mit PCs als auch mit mobilen Endgeräten. Aktuell werden WebDVDs, verschiedene Unterrichtsmodule, Links, OER, Apps und Lernportale begutachtet. Wenn man bedenkt, dass die Medienbegutachtung früher einmal Diareihen und Videokassetten gesichtet hat, wird deutlich, welch eine Entwicklung hier stattgefunden hat und immer weiter stattfinden muss.

Diskussionen sind erwünscht

Wie viele Medien/Datensätze begutachten Sie im Jahr oder Halbjahr?

Dieses Schuljahr waren es bereits bis April über 2.000 Medien, und damit wurden die Jahreshöchstmarken der vorangegangenen zehn Jahre bereits überschritten. 

Wie läuft eine Begutachtung ab und wie lange dauert es in der Regel, bis ein Daumen gesetzt werden kann?

Wir erhalten ein neues Medium. Zunächst wird die Schulart- und Fachzuweisung geprüft und eine grobe Einschätzung abgegeben, ob dieses Medium überhaupt zu den Bildungsplaninhalten Baden-Württembergs passt. Auf dieser Basis erfolgt die Zuweisung zur Kommission. 

In vielen Fällen erfolgt seitens der Kommission eine Prüfung des Mediums direkt im Unterricht: Das bedeutet, ein Kommissionsmitglied nimmt das Medium mit und probiert es im Klassenzimmer aus. Anschließend erfolgt die Abstimmung innerhalb der Kommission und die Formulierung der didaktischen Hinweise. Wie lange das dauert, hängt nicht zuletzt an den Schulferien, bzw. wie oft und intensiv ein Medium im Unterricht erprobt wird, denn viele Medien sind so konzipiert, dass sie ganze Unterrichtseinheiten abdecken. 

Welche Kriterien liegen der Auswahl zugrunde? 

Die Kriterien sind auf unserer Website einsehbar. Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Stichworte:  

  • Grundlegende Kriterien: passend zu Bildungsplan BW, Vereinbarkeit mit ethisch-moralischen Grundwerten und dem Grundgesetz, der Landesverfassung und dem Schulgesetz
  • Didaktische Kriterien: Adressatengerecht, Methodik zur klaren Zielsetzung passend, didaktischer Aufbau, sinnvolle Gliederung
  • Medienspezifische Kriterien: Mediendidaktik, technisch einwandfrei, Medium zum erwünschten Kompetenzzuwachs passend  
  • Fachwissenschaftliche Kriterien: fachlich einwandfrei, Relevanz, Aktualität 

Gibt es manchmal Unstimmigkeiten innerhalb der Kommission? Wenn ja, was passiert dann?

Die gibt es tatsächlich und eine lebhafte Diskussion innerhalb der Kommission ist sogar erwünscht. Um zu einem aussagekräftigen Urteil zu kommen ist es wichtig, dass wir erfahrene Lehrkräfte aus den Schulen in den Kommissionen haben, die sich untereinander austauschen, damit am Ende nicht die persönliche Meinung eines einzelnen wiedergegeben wird.  
Die Kommissionsmitglieder werden bewusst aus verschiedenen Schularten und professionellen Hintergründen zusammengesetzt, damit keine einseitige Beurteilung der Medien entsteht. Zum Beispiel steht ein Kommissionsmitglied, das gleichzeitig am Staatlichen Seminar für die Medienbildung tätig ist, dem Einsatz von Apps anders gegenüber als ein Kommissionsmitglied aus einer kleinen Realschule im ländlichen Raum. 

Es gibt aber auch einfachere Gründe für unterschiedliche Einschätzungen innerhalb derselben Kommission. Zum Beispiel, wenn ein Medium speziell für das Gymnasium produziert wurde und nicht ausdifferenziert genug ist, um die Sekundarstufe zu bedienen. In solchen Fällen erscheint dann in der Mediathek ein Medium bei der Suche nach Medien fürs Gymnasium, nicht aber bei der Suche für die Sekundarstufe. 

Gibt es Schwierigkeiten die Kriterien anzupassen, die durch den Wandel innerhalb der Medienlandschaft entstehen? 

Ganz bewusst sind die Kriterien auf der Website so offen formuliert, damit sie für alle aktuell zu sichtenden Medien gelten. Nichtsdestotrotz werden die aufgeführten grundlegenden, didaktischen, medienspezifischen und fachwissenschaftlichen Aspekte immer wieder hinterfragt und bei Bedarf modifiziert – insbesondere von den Kommissionen selbst. 

Trotzdem oder gerade aufgrund der offenen Formulierung ist klar, dass von jedem Medientyp ganz unterschiedliche Stärken zu erwarten sind: Nicht jedes Medium kann gerade im Hinblick auf unterrichtliche Methodik alles leisten oder alle gewünschten Funktionen bieten. Da die Kommissionsmitglieder regelmäßig mit Medien arbeiten, sind sie vertraut mit dem Umstand, dass zum Beispiel ein Online-Lernportal ganz andere medienspezifische und damit auch didaktische Möglichkeiten bietet als eine Web-DVD. Daher erfolgt die Sichtung und Beurteilung direkt auf den jeweiligen Medientyp bezogen.

Mit einfachen Worten ausgedrückt: Die Anforderungen an die unterschiedlichen Medientypen sind unterschiedlich hoch, aber die Gestalt der Anforderungen ist äquivalent.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten – was würden Sie sich für die Zukunft der Medienbegutachtung wünschen?

Es macht unheimlich viel Freude, neue gute Unterrichtsmaterialien und Medientypen zu entdecken und diese ausprobieren zu dürfen. Ich wünsche mir noch viel, viel mehr dieser Medien, um sie dann den Lehrkräften über die SESAM-Mediathek zur Verfügung stellen zu können. 

Die Medienbegutachtung nimmt die Sichtung der Medien aus pädagogischer Perspektive wahr. Was wir zusätzlich brauchen, ist eine technische Sichtung digitaler Medien, um konkrete Aussagen in Bezug auf den Datenschutz treffen zu können. Hierzu fehlen uns bislang die notwendigen Ressourcen, um geeignete Lösungen zu finden. 

Seit Jahren ist es leider so, dass die Medienbegutachtung Jahr für Jahr weitere Deputatsstunden einsparen muss. Da in der Medienbegutachtung die Arbeit aber nie weniger, sondern immer mehr wird und durch die komplexeren Medien auch viel Zeit eingeplant werden muss, um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen, wünschen wir uns natürlich einen festen Pool an Lehrkräften und Deputatsstunden.

Scarlett Rybarczyk, Uschi Hertweck

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